Ob das wirklich so einfach ist und vieles Wissenswerte über Social Freezing beantworten der Gesundheitsökonom Sebastian Ellinghaus (SE) und PD Dr. Sören von Otte (DvO), Leiter des Universitären Kinderwunschzentrums Kiel, im Doppelinterview.

Herr Ellinghaus, vor rund zwei Jahren sind Sie mit einigen Kinderwunsch-Zentren, mit einem eigenen Informationsportal, zum Thema „social freezing“ online gegangen. Sie waren ein Vorreiter und unter www.proFertilität.de liefern Sie in unterschiedlichen Informationstiefen patientinnengerechte Aufbereitung all dessen, was Interessentinnen vorab rund um ihre persönliche Eizellvorsorge und Fruchtbarkeitsprophylaxe wissen sollten. Was hat Ihnen hierzu den Anlass geliefert?

S.E.: Zwei Dinge. Zum Einen kollidiert das gängige Medienecho um spätgebärende Prominente frontal mit den hierfür real existierenden Chancen durch Mutter Natur. Dadurch wird manche Frau verleitet, sich erst viel zu spät mit dem Gedanken an den eigenen Kinderwunsch oder Eizellvorsorge zu befassen.

Hier bedarf es zwingend der Aufklärung über die erlaubten, in Abgrenzung zu den nichterlaubten, Optionen der Fruchtbarkeitsmedizin, sowie Kenntnisse über die biologischen Prozesse im Zusammenhang mit der Eizellreife.

Was glauben Sie wie viel Unkenntnis allein schon darüber besteht, dass Frauen bereits die Anlagen für ihre Eizellen bei ihrer Geburt mit zur Welt bringen?!

Und zum Zweiten?

S.E.: Als uns klar wurde, dass social freezing keinen Bogen um Deutschland machen würde, habe ich nicht wirklich lange gebraucht um einige in der Sache bereits engagierte Zentren recht schnell davon zu überzeugen, dass da gerade eine komplett andersartige Gruppe von Patientinnen auf sie zukommen und sehr viel Beratungsbedarf mit sich bringen wird.

Was sich dadurch erklärt, dass eine Patientin, die möglicherweise schon seit Monaten oder Jahren an ihrem unerfüllten Kinderwunsch leidet, mit einem völlig unterschiedlichen Informationsanspruch ein Kinderwunsch-Zentrum betritt, als eine Patientin, die erst einmal überzeugt werden will, hier die richtige Hilfestellung zu erhalten.

Wie wird dies realisiert?

S.E.: Dazu muss man erheblichen zusätzlichen Informationsbedürfnissen gerecht werden, mit entsprechend hochqualifizierten, intensiven Beratungsleistungen, an deren Ende, anders als bei der Mehrheit der „echten“ Patientinnen, eben auch noch ein: „Vielen Dank, ich überleg’s mir noch mal..!“ stehen kann.

Es sollte mit proFertilität.de einfach ein auf Patientinnen-Aufklärung ausgerichtetes Informationsportal entstehen, welches so aktuell wie möglich, so objektiv wie nötig über die biologischen wie die technischen Aspekte zum Thema social freezing Auskunft gibt. Wir wollen keineswegs missionieren, sondern informieren.

Hilfreiche Unterstützung in der Umsetzung des Projektes fand sich von Anfang an in Herrn PD Dr. Sören von Otte. Wie kam es dazu?

DvO: Als Sebastian Ellinghaus seinerzeit mit seiner Idee proFertilität.de an mich herantrat war der Zeitpunkt für ein solches Patienten-Informationsportal insofern günstig, da gleichzeitig aus medizintechnischer Sicht eine grundlegende Innovation eine breitere Anwendung erfuhr.

Diese Methode liefert solch verbesserte Prognosen für eine spätere Schwangerschaft, dass auch Nicht-Patientinnen mit einem späteren Kinderwunsch eine Eizell-Bevorratung empfohlen werden kann.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für eine Eizell-Bevorratung?

DvO: Entscheidend, und in der Praxis die Wichtigste aller planbaren Vorraussetzungen, ist das biologische Alter der zur Entnahme kommenden Eizellen. Und hier sind eindeutig die besten Ergebnisse in einem Lebensalter der Frau um 25 Jahre, plusminus 5 Jahre, zu erwarten.

Das Trügerische ist ja: selbst wenn eine Frau im Alter zwischen 35 und 50 noch regelmäßig ihre Monatsblutungen registriert, besteht keinerlei Sicherheit, dass ihre Eizellen auch undefekt heranreifen.

Sicher ist nur: ab Ende zwanzig reduziert sich die Eizellreserve signifikant. In diesem Punkt sind aufgrund aufmerksamkeitsstarker Berichterstattung aus Einzelfällen Illusionen geschürt worden, denen man auch mit reproduktionsmedizinischen Mitteln, zumindestens in Deutschland, nicht mehr beikommen kann.

Mit welcher Sicherheit kann ich von einer späteren Schwangerschaft mit meiner aufgetauten Eizelle ausgehen?

DvO: Wenn wir in Deutschland bei Patientinnen mit unerfülltem Kinderwunsch bereits bei einer Erfolgsquote von im Schnitt um 35% pro Versuch liegen, können Sie für kerngesunde Frauen allein schon dadurch von einer bedeutend höheren Quote ausgehen.

Tatsächlich sieht die Sache sogar deutlich besser aus, wenn uns auch naturgemäß für Deutschland diesbezüglich noch keine ausreichenden Daten zur Verfügung stehen.

Seriöse Studien aus dem Ausland, das einen deutlichen zeitlichen Vorsprung in Sachen social freezing aufweist, zeigen aber, dass, zumindest bei Verwendung entsprechender technischer Vorraussetzungen, Schwangerschaftsraten von bis zu 94 bis 96 Prozent nach Auftauen erreicht werden.

Welche Voraussetzungen wären das?

S.E.: Man kann sich hierzu vielleicht am besten laienhaft die Frage stellen, wieso ist mir seit geraumer Zeit das Einfrieren von Spermien –also männlicher Keimzellen- durchaus geläufig, und warum kommt erst jetzt das von weiblichen Eizellen?

Bitte beantworten Sie diese Frage.

Gern. Männliche und weibliche Keimzellen unterscheiden sich erheblich in ihren Größenverhältnissen. Wenn ein Spermium in eine Eizelle dringt, ist das bildlich gesprochen so, als ob Jemand das Pantheon in Rom betritt.

Nur, dieses Pantheon ist gefüllt mit Flüssigkeit und zellulären Bestandteilen. Und diese können während des Einfriervorgangs durch Kristallisation unschöne Beschädigungen mit sich bringen.

Um solcherlei Defekten vorzubeugen wendet man seit neuerem die Technik der Vitrifikation vor der Konservierung an, mit der den Zellen vor dem Einfrieren das Wasser entzogen wird und nach dem Auftauen vorgenannte gute Ergebnisse erzielt wurden.

DvO: Und auch auf dem Gebiet des Behandlungsvorgangs selbst sind hilfreiche Verbesserungen eingeführt worden. Um eine gewisse Mindestanzahl von Eizellen zu erlangen muss die Patientin ja wie bei einer IVF stimuliert werden. Hier hält sich bei vielen, die mal davon gehört haben, immer noch der Begriff der Überstimulation. Dass man diese aber mittlerweile unter Anwendung bestimmter hormoneller Protokolle gut umgehen kann, setzt sich mittlerweile auch als Standard durch.

Gibt es eigentlich Bedenken hinsichtlich der Dauer der Einfrierphase?

S.E.: Eine solche Kryo-Konservierung findet bei einer Temperatur von minus 195° statt und da macht es dann keinen besonderen Unterschied ob nun 5 oder 15 Jahre. Entscheidender sind hier die Einfrier- und Auftautechniken.

Und, Herr Dr. von Otte, gibt es im Hinblick auf die Re-Implantation, also das Wiedereinsetzen der dann befruchteten Eizelle, ein Idealalter?

Die Erfahrung zeigt, dass es gerade auch in diesem Punkt von Frau zu Frau starke Abweichungen gibt. Generell kann man sich vielleicht der Auffassung einer Expertengruppe anschließen, die da lautet: „vor dem 50. Lebensjahr“.

S.E.:…und je weiter davor um so besser! Wir dürfen nicht vergessen: die Eizelle ist bei Wiederauftauen nur so alt wie beim Einfrieren, der Körper der Frau ist aber zwischenzeitlich entsprechend gealtert.

Sie würden also abschließend diese Methode der Eizellprophylaxe für den Fall eines aufgeschobenen Kinderwunsches als erfolgversprechend beurteilen.

DvO: Qualifiziert angewandt ist es eine seriöse Option. Ich kenne Kollegen die empfehlen dies bereits ihren Töchtern.

Wir bedanken uns für Ihre Informationen.