Interview mit Privatdozent Dr. med. Alexander Römmler.

Im letzten Jahrhundert hat sich die Lebenserwartung der Frau fast verdoppelt. Ab Mitte des 40. Lebensjahres beginnt die Phase der Wechseljahre, in denen die Hormonproduktion zurückgeht. Dies löst bei vielen Frauen Beschwerden aus. Und obwohl die meisten Frauen jahrelang mit Hormonen verhüten, gelten Hormontherapien in den Wechseljahren plötzlich als schädlich. Woran liegt das?

Hormonelle Verhütungsmittel haben gewisse Risiken. Sie sind bei jungen Frauen recht selten und werden wegen des starken Verhütungswunsches in Kauf genommen. Der Hormonausfall in den Wechseljahren mit seinem Leidensdruck wurde dagegen noch von unseren Großmüttern teilweise „stolz“ erduldet und erlitten, wobei sich manche damit trösteten, dass dies ja ein „natürlicher“ Vorgang sei.

Die heutigen Frauen sind aber aufgeklärt und verstehen, dass ein Hormonentzug nicht nur zu akuten Beschwerden, sondern auch zu degenerativen Folgeerkrankungen führt. Beides kann durch einen „Ersatz des Fehlenden“, also einen Östrogenausgleich, ursachenbezogen behandelt werden.

Hormone, und dazu gehören auch die „körperidentischen“, sind hochpotente Substanzen.

Wenn die Rede von den Wechseljahren ist, steht das Hormon Östrogen immer im Vordergrund. Doch es ist nicht das einzige Hormon, das relevant für das weibliche Wohlbefinden und eine Balance von Körper und Seele ist. Stimmt es, dass auch Progesteron eine wichtige Rolle spielt?

Ja, denn in den beginnenden Wechseljahren fällt als erstes Hormon das Progesteron aus, was mit zahlreichen Beschwerden wie Blutungsstörungen und Brustspannen, gesundheitlichen Risiken wie Gebärmutter- und Brustkrebsanstieg sowie Stimmungsveränderungen wie Gereiztheit verbunden ist.

Erst wenn auch ein zeitweiliger Östrogenmangel hinzukommt, der sich meist durch Hitzewallungen und Schweißausbrüche, aber auch durch Schlafstörungen und Depressivitäten bemerkbar machen kann, werden den Frauen meist erst die Wechseljahre bewusst. Folglich sollte zunächst Progesteron und dann zusätzlich das Östrogen ersetzt werden.

Wo liegen die Unterschiede zwischen künstlichen Hormonen und bioidentischen, also natürlichen Hormonen? 

Mit „künstlich“ beziehungsweise „synthetisch“ wird nicht auf die Art der Herstellung eines Hormons abgestellt. Entscheidend ist vielmehr, ob es völlig identisch mit dem menschlichen Hormon ist, also die artgerechte Substanz darstellt, deren Wirkungen sich über Jahrmillionen für den Menschen als optimal entwickelt haben.

Werden dagegen chemische Varianten solcher Hormone verwendet, die fremd für den Menschen sind, ist mit anderen Teilwirkungen und Risiken zu rechnen. Tierische Varianten sind zwar „bioidentisch“ für das Tier, nicht aber artgerecht für den Menschen und daher nicht gleichermaßen zu verwenden.

Bisherige Hormontherapien (HRT) bergen aber – wie Studien belegt haben – zahlreiche Risiken. Welche sind das und was sind mögliche Alternativen?

Will man durch Hormongaben lediglich den Zustand wiederherstellen, den eine Frau in den Jahrzehnten vor den Wechseljahren hatte, sollten doch eigentlich kaum Nebenwirkungen auftreten. Falls doch, liegt der Schluss nahe, dass etwas „falsch“ gemacht worden ist. Genauso verhält es sich mit der früher vorwiegend verordneten Hormonanwendung HRT: Durch die Darreichung des Östrogens in Tablettenform erfolgt eine übernatürliche Leberbelastung, die zu zahlreichen Veränderungen von Leberfunktionen führt.

Die Folgen können beispielsweise erhöhte Raten von Thrombosen, Lungenembolie und Gallenwegsoperationen sein. Abhilfe ist durch eine transdermale Anwendung des Östrogens als Creme, Gel oder Pflaster mühelos zu erreichen. Zum anderen ist die Verwendung eines „künstlichen“ Gestagens bei der HRT mit deutlich erhöhten Brustkrebsrisiken verbunden. Auch hier ist Abhilfe durch das natürliche Progesteron zu finden, das ja eine gesunde Frau auch die Jahrzehnte vorher ohne gesteigertes Brustkrebsrisiko „natürlicherweise“ nach jedem Eisprung produziert hatte.

Sind bioidentische Hormone generell harmlos?

Hormone, und dazu gehören auch die „körperidentischen“, sind hochpotente Substanzen. Durch Anpassungsprozesse im Verlauf der Evolution verträgt sie ein Mensch längere Zeit nur dann risikoarm, wenn „niedrig-natürliche“ Wirkspiegel erreicht werden, wozu die körperidentische Substanz in geeigneter Darreichung und Dosierung einzusetzen ist. Zu niedrige oder zu hohe Wirkspiegel sind mit erheblichen Nebenwirkungen und Risiken verbunden.

Kommen wir zu den Phytoöstrogene. Sind sie wirklich wirkungsvoll und wie unterscheiden sie sich wiederum von bioidentischen Hormonen?

Auch andere Lebewesen haben Hormone, die sich speziell passend für ihre Art entwickelt haben und sich von den menschlichen oft unterscheiden, beispielsweise die Östrogene von Pflanzen, genannt Phytoöstrogene. Auch wenn Sie beim Menschen leichte, östrogenähnliche Wirkungen entfalten können, scheint deren Wirkspektrum und Wirkstärke nicht auszureichen, weshalb offensichtlich „die Natur“ menschliche Östrogene als notwendig erachtet und extra entwickelt hat. Phytohormone sind somit als „körperidentischer“ Hormonersatz für den Menschen nicht geeignet.

Unter welchen Bedingungen sie aber „als Medikament“ bei bestimmten Fragestellungen einen gewissen Nutzen entfalten können, wird derzeit wissenschaftlich intensiv untersucht.

Creme, Gel, Pille, Spritze oder Pflaster - wie wirken bioidentische Hormone denn nun eigentlich am besten?

Hier gibt es keine Regel, die für alle Hormone gemeinsam gültig wäre. Das ist wichtig zu wissen! Bei einer HRT werden Östrogene über die Haut dargereicht, was eine besonders risikoarme und ganz persönliche Dosierung ermöglicht. Das stets dazu erforderliche Progesteron wird bei der HRT als Kapsel am besten abends eingenommen.

Hierdurch können sich die besonderen Eigenschaften des Progesterons wie Angstlösung, Entspannung, Schlafförderung und Nervenregeneration gut entfalten. Bei Frauen mit Kinderwunschbehandlung (Reproduktionsmedizin) wird das Progesteron dagegen vaginal angewendet, weil hierdurch eine höhere und schützende Anreicherung in der Gebärmutter erreicht werden kann. Unter kosmetischen Aspekten kann es auch als Creme über die Haut eingesetzt werden, was als Zusatzgabe und nicht als Ersatz einer oralen HRT-Anwendung interpretiert werden darf.