Das ist zunächst einmal kein Grund, beunruhigt zu sein: Es ist von der Natur keineswegs vorgesehen, dass Frau und Mann vom Beginn der Geschlechtsreife an bis ins Alter über Jahrzehnte hinweg ständig sexuell erregbar, erregungsbereit und orgasmusfähig sind.

Im Gegenteil: Bei Stress und Belastungen, bei Müdigkeit, Erschöpfung, Krankheit oder starker, anhaltender körperlicher Anstrengung oder auch wenn eine Frau bereits eines oder mehrere Kinder bekommen hat, ist es ein natürlicher Prozess, dass die Lust auf Sex zurückgeht. Es handelt sich dabei um einen biologischen Schutzmechanismus, der sich nicht einfach abstellen lässt: In Zeiten von Gefahr und Krankheit war es in den früheren Zeiten der Menschheit für das Überleben der Mutter und ihrer bereits vorhandenen Kinder besser, wenn nicht noch mehr Kinder geboren wurden.

Wenn eine Frau in der gynäkologischen Praxis um Rat und Unterstützung bittet, weil es mit dem Sex nicht mehr so gut klappt, dann ist es wichtig, das alles zu erklären. Zudem ist es wichtig, Krankheiten und die Auswirkungen von Arzneimitteln auszuschließen. Denn manche können die Ursache dafür sein, dass die Lust auf Erotik und Sex zurückgeht.

Vielfach kann man auch feststellen, dass die Ruhe und die Routine, die sich in langjährigen Partnerschaften einstellen, Erotik und Spannung einschlafen lassen. Auch die körperlichen Veränderungen, Erschöpfung und Schlafmangel nach einer oder mehreren Geburten lassen den Gedanken an leidenschaftliche Erotik oft in den Hintergrund treten.

Oftmals tragen auch eine abnehmende körperliche Fitness und zunehmendes Körpergewicht zu dieser schleichenden Entwicklung bei.

Manche Frauen – oder auch ihre Partner – erwarten, dass Frauenärzte hier mit Arzneimitteln eingreifen können. Aber gegen Erschöpfung und Alltagsroutine, in der häufig auch die Zärtlichkeit eingeschlafen ist, kann die beste Arzneikunde nichts ausrichten. Wenn aber beide bereit sind, ihre Partnerschaft wieder mit Leben, Nähe und Zärtlichkeit zu füllen, dann ist das meist der beste Weg, um wieder zu einer erfüllten Sexualität zu finden.

Anders sieht es aus mit Frauen, die überhaupt noch nie wirklich sexuell erregt waren, die noch nie einen Orgasmus erlebt haben, auch nicht bei der Selbstbefriedigung, und bei der weder Erkrankungen noch Arzneimittel oder andere Faktoren als Ursache zu finden sind. Manchmal finden sich hier Vorstellungen und Erlebnisse aus der Kindheit und der eigenen Erziehung, die es unmöglich machen, sich in eine intensiv erlebte Sexualität hineinfallen zu lassen.

Wenn die Frau das als belastend erlebt und überzeugt davon ist, dass sie diese Situation ändern will, dann kann eine spezielle sexualmedizinische Beratung hilfreich sein. Allerdings erleben es viele Frauen als Erleichterung, wenn sie erfahren, dass etwa ein Drittel aller Frauen – allen Illustrierten-Versprechen zum Trotz – beim vaginalen Sex keinen Orgasmus erlebt, und dass es eine große Schwankungsbreite der sexuellen Aktivität gibt, ohne dass man nach der einen oder anderen Seite „krank“ oder „nicht normal“ wäre.

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