Das war mir alleine schon im Hinblick auf meinen Sohn, der mit einer schweren Mehrfachbehinderung geboren wurde, sehr wichtig, denn ich erziehe ihn alleine. Ich brauchte Unterstützung und Absicherung von den unterschiedlichsten Seiten, um die kommenden Monate der Behandlungen zu überstehen. Zum Glück, wurde uns diese reichlich geschenkt.

Bereits während meiner Chemotherapien, den diversen Operationen, Bestrahlungen und dem Beginn meiner Antihormontherapie war mir bewusst, dass mein Leben so wie es einmal war, nicht mehr sein würde. Erneut bekam ich dies mit aller Deutlichkeit vor Augen geführt, als ich zwei Jahre nach meiner Brustkrebsdiagnose die Mitteilung erhielt, dass meine Erkrankung genetisch bedingt sei. Im Juni 2012 ließ ich mir auf Grund dessen meine Ovarien entfernen. So konnte ich das Risiko an Eierstock- und erneut an Brustkrebs zu erkranken, enorm senken.

Zu meiner Sicherheit nehme ich seitdem an einem intensivierten Früherkennungsprogramm teil und habe diese noch um eine Haut- und Darmkrebsvorsorge erweitert. Die Diagnose BRCA2 (Erklärung evtl ein Link dazu?) erschütterte mich zutiefst und ich brauchte gut ein Jahr, um diese psychisch zu verarbeiten.Trotz allem betrachte ich es als einen großen Vorteil, von dem Gen-Defekt zu wissen. Das Wissen bietet mir im besten Fall die Möglichkeit, dem Krebs einen entscheidenden Schritt voraus zu sein. Das Thema Krebs wird mich jedoch auf Lebenszeit begleiten...

Nur weil unsere Gesellschaft unbequeme Themen gerne aus ihrem Bewusstsein verdrängt, bedeutet dies nicht, dass sie nicht existieren.

Im Mai 2013 veröffentlichte ich mein Blog "Prinzessin uffm Bersch". Durch das öffentliche Schreiben ist es mir gelungen, meine Krebserkrankung zu verarbeiten. Dabei habe ich die positive Erfahrung gemacht, dass ich anderen betroffenen Frauen, Hoffnung und Mut schenke. Auf meiner Homepage und Facebookseite finden Interessierte unterschiedlichste Informationen rund um das Thema Brustkrebs, sowie Lebensgeschichten anderer starker Frauen. Ich kann nur immer wieder betonen: Frauen, die über ihre Brustkrebserkrankung und die Wirkungsweise ihrer Therapien informiert sind, haben einen unschätzbaren Vorteil: Wissen und Informationen, begünstigen in einem Krankheitsfall das Überleben!

Für mich hat sich im Laufe der Zeit, das Schreiben längst über das Bloggen hinaus weiterentwickelt. So halte ich Lesungen über meine Geschichte auf Fach- und Patientinnentagungen, bin als Patientinnenvertreterin aktiv, unterstütze als Botschafterin das soziale Netzwerk "limipi" und arbeite ehrenamtlich im Bereich Öffentlichkeitsarbeit für eine Hospizgruppe.

Auch setze ich mich für Verbesserungen in der Brustkrebsdiagnostik ein. Warum ich das mache? Weil ich die Möglichkeiten dazu habe und ich es für nötig halte. Nur weil unsere Gesellschaft unbequeme Themen gerne aus ihrem Bewusstsein verdrängt, bedeutet dies nicht, dass sie nicht existieren. Es ist mir bei allem, was ich in den letzten Jahren an Projekten umgesetzt habe ein wichtiges Anliegen, den Tabuthemen Krebs, Sterben und Behinderung mehr Akzeptanz in unserer Gesellschaft zu verschaffen und somit sozialpolitische Verbesserungen auf den Weg zu bringen.

Auch die Geburt meines Sohnes vor zwanzig Jahren mit einer schweren Mehrfachbehinderung, war ein einschneidendes und prägendes Ereignis in meinem Leben. Eine der wichtigsten Aufgaben für mich als junge Mutter war, mein Kind als den Menschen anzunehmen, der er ist. Ohne Wenn und Aber! Dies bedeutete auch, mich von meinen Träumen und Wunschvorstellungen eines gesunden Kindes zu verabschieden. Das Wichtigste für mich war ihm die Möglichkeit zu schenken, sich nach seinen Fähigkeiten zu entwickeln. Nicht selten wurde ich in den letzten Jahren gefragt, ob es denn nicht besser gewesen sei, wenn ich mein Kind vor der Geburt abgetrieben hätte? Ob es nicht zu meinem Besten sei, "es" so früh wie möglich in einem Heim unterzubringen? Ich würde mich völlig unnötig aufopfern! Wie ich dieses Kind nur lieben könne? Früher hätte man so was vergast oder direkt nach der Geburt erstickt...

Es gibt nicht wenige Leute, die mein Schicksal oder meinen Sohn als Belastung in unserer leistungsorientierten Gesellschaft empfinden.

Worte können Wunden schlagen. Seelenwunden, die tief sitzen. Dennoch entfachten sie in mir den unerschütterlichen Entschluss: „Nicht mit mir!“ Denn das, was ich für meinen Sohn empfinde und ihm ermögliche, hat seinen Ursprung im allertiefsten Sein meines Wesens: Ich liebe meinen Sohn! Er ist ein zufriedener und glücklicher junger Mann, dessen Wünsche und Träume unterstützt werden sollen. Nur das zählt...

Es gibt nicht wenige Leute, die mein Schicksal oder meinen Sohn als Belastung in unserer leistungsorientierten Gesellschaft empfinden. Dabei sind nicht wir das Problem, sondern die Sichtweise der meisten Mitmenschen auf behinderte oder schwer erkrankte Personen. Um meinem wundervollen Sohn, der weder lesen, schreiben noch sich klar artikulieren kann und diesem Bild ohne Unterstützung hilflos ausgeliefert wäre, aber auch all den Brustkrebs-Betroffenen mehr Aufmerksamkeit und gehörten Raum in unserer Gesellschaft zu verschaffen, werde ich auch weiterhin unermüdlich für INKLUSION und den Abbau einer systematischen Diskriminierung kämpfen. Damit unser Alltag endlich leichter wird und der Wunsch für meinen Sohn, sowie all die anderen Betroffenen selbstbestimmt leben zu dürfen, eines Tages Wirklichkeit wird...

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Lesen Sie mehr von Nicole Kultau auf Ihrem Blog prinzessin-uffm-bersch.de sowie auf ihrer Facebook-Seite facebook.com/PrinzessinUffmBersch.