Prof. Dr. med. Stefan P. Renner im Interview

Was ist die Endometriose?

Zuerst einmal ist es eine sehr rätselhafte Erkrankung. Generell beobachtet man eine gutartige, aber sehr schmerzhafte Wucherung von Gewebe der Gebärmutterschleimhaut. Normalerweise wächst das in der Gebärmutterhöhle.

Bei der Endometriose baut es sich jedoch außerhalb auf: zum Beispiel im Bauch- und Beckenraum, in den Eierstöcken und Eileitern. Das Gewebe kann aber auch Darm, Harnblase oder seltener andere Organe wie Lunge und Leber befallen. Wie das jeweils passiert, ist aber eben noch nicht bewiesen.

Über welche Beschwerden klagen Patientinnen?

Das entscheidende Symptom sind extreme Menstruationsschmerzen. Und darin liegt schon das Problem. Denn Schmerzen sind für viele während der Monatsblutung normal. Selbst Frauenärzte können dann oft nicht erkennen, dass es sich um mehr und eine organische Erkrankung handelt.

Welche Folgen hat die Krankheit?

Sie kann zur Unfruchtbarkeit führen. Nach Studien ist die Endometriose bei 50 Prozent der Frauen der Grund für ihre Sterilität. Viele Frauen sind auch anfälliger für andere Krankheiten wie Allergien, Migräne oder Asthma. In nur einem Prozent der Fälle kann sie Krebs verursachen.

Wie kann die Diagnose verbessert werden?

Hinweise sind neben den starken Schmerzen während der Periode auch Schmerzen beim Stuhlgang, Wasserlassen oder Geschlechtsverkehr. Diese Symptome können jedoch andere Ursachen haben, was die Diagnose zusätzlich erschwert.

Außerdem reagieren Frauen unterschiedlich auf die Endometriose. Bei der einen verursachen bereits kleine Wucherungen große Schmerzen. Eine andere spürt selbst große Wucherungen kaum.

Sie sagten, dass selbst einige Gynäkologen die Krankheit nicht erkennen. Was unternimmt eine Patientin, wenn sie unsicher ist?

Ich würde in solchen Fällen immer die Meinung eines zweiten Experten hinzuziehen. Es gibt in Deutschland rund 100 Endometriose-Zentren, die sich auf die Krankheit spezialisiert haben. Diese befragen die Patientinnen zum Beispiel genauer zu ihren Beschwerden im Zyklus und untersuchen gynäkologisch gezielter an bestimmten Körperstellen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Der Goldstandard der Therapie ist die minimalinvasive Operation, um die Diagnose zu sichern und die Endometriose möglichst komplett zu entfernen. Die Anschlusstherapie hängt dann davon ab, ob Kinderwunsch aktuell besteht oder nicht. Bei fehlendem Kinderwunsch können die Pille, ein Gelbkörperhormonpräparat oder die Wechseljahrestherapie Schmerzerleichterung bringen oder das Risiko für ein Wiederauftreten reduzieren.

Gerade bei chronischen Schmerzen helfen häufig auch alternative Heilmethoden, Akupunktur, eine richtige Ernährung oder psychosomatische Unterstützung. Bei Kinderwunsch sollte versucht werden, möglichst bald schwanger zu werden – entweder auf normalem Weg oder mit ärztlicher und medikamentöser Unterstützung.

Sie sind Vorstand der Europäischen Endometriose Liga (EEL). Welche Hilfe leistet der Verband den Betroffenen?

Die EEL ist in erster Linie gegründet worden, um Betroffene zu informieren und über die Krankheit aufzuklären. Auf unserer Homepage gibt es ein Expertenforum, das Fragen rund um Endometriose beantwortet und auf Behandlungszentren in ganz Deutschland hinweist. Außerdem kämpfen wir dafür, dass die Krankheit eine stärkere Lobby bekommt und besser wahrgenommen wird.

Was macht die EEL darüber hinaus?

Die EEL arbeitet eng zusammen mit der Stiftung Endometriose-Forschung (SEF), die das wissenschaftliche Organ der Liga darstellt und die Planung und Durchführung von Studien übernimmt. Es fehlt jedoch an Geldern.

Denn es zeigt sich nicht nur auf der praktischen, sondern auch auf der wissenschaftlichen Ebene, dass die Krankheit keine gute Lobby hat. Aufgrund von fehlenden finanziellen Mitteln werden daher nur kleine ausgewählte Studien vorangetrieben.

Haben Sie auch eine positive Botschaft zu dieser komplexen Krankheit?

Viele Frauen leben sehr gut mit einer Endometriose. Diese empfinden wenig Schmerzen oder sprechen gut auf hormonelle Therapieoptionen an. Und bei einer Diagnose heißt es nicht zwingend, dass man nicht schwanger werden kann. Ganz im Gegenteil werden viele Frauen mit Endometriose ohne Probleme schwanger.