Herr Dr. Wiedemann, ist Inkontinenz ein typisches Frauenproblem?

Auf keinen Fall! Zwar macht jede Frau in ihrem Leben Phasen durch, in denen sie für eine Harninkontinenz besonders anfällig wird, es sind aber auch Männer und Kinder betroffen.

Welche Phasen im Leben einer Frau sind das?

Zunächst sind es Schwangerschaft und Geburt, die zu einer enormen Belastung des Beckenbodens führen. Hieraus kann eine Belastungsinkontinenz – Urinverlust bei Husten, Niesen, körperlicher Belastung – entstehen. Aber auch häufige Harnwegsinfekte in der Jugend und die Wechseljahre können in ein Kontinenzproblem münden. Hier denke ich an die Überaktive Blase.

Was ist darunter zu verstehen?

Medizinisch wird darunter häufiger, zwanghafter Harndrang tags und nachts verstanden – mit und ohne Inkontinenz. Psychologisch gesehen bedeutet dies häufig einen Verlust an Lebensqualität, weil nicht mehr die Frau ihre Blase, sondern die Blase das Individuum kontrolliert. Busfahrten, Kinobesuche oder Unternehmungen in der Gruppe werden zur Qual, weil sich die Überaktive Blase ständig meldet. Nächtliches Wasserlassen stört die Nachtruhe, die Witze der Umgebung über die „Sextanerblase“ führen zu Scham – und schon ist „frau“ in einem Teufelskreis gefangen.

Welche Risikofaktoren gibt es noch für die Überaktive Blase – außer einem Hormonmangel und häufigen Harnwegsinfekten?

Dazu gehören alle neurologischen Erkrankungen wie zum Beispiel die Multiple Sklerose oder Schlaganfall, eine Zuckerkrankheit und Unterleibserkrankungen nach Operationen oder Bestrahlungen.

Fakten

  1. Nicht nur Schwangerschaft und Geburt, auch Infekte, Östrogenmangel, neurologische Leiden und Unterleibserkrankungen nach Operation und Bestrahlung sowie ein Diabetes mellitus können zu Kontinenzproblemen führen.
  2. Die so entstehende Überaktive Blase dämpft die Lebensqualität durch häufigen, zwanghaften Harndrang mit und ohne Inkontinenz.
  3. Behandelt wird neben der lokalen Gabe von Östrogenen nach den Wechseljahren mit „Anticholinergika“, die die Überaktive Blase dämpfen.
  4. Trospiumchlorid hat aus der Gruppe der Anticholinergika Vorteile im Hinblick auf den besonders schonenden Abbau, fehlende Kreuzreaktionen mit anderen Medikamenten und eine Unbedenklichkeit bezüglich bestimmter Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Konzentrationsmangel und Schwindel.

Wenn die Wechseljahre eine Überaktive Blase begünstigen können, besteht die Behandlung dann in einer Hormongabe wie bei anderen Wechseljahresbeschwerden?

Ja, aber nicht ausschließlich. So kann die lokale Östrogengabe etwa als Vaginalcreme zwar den Grundstein für eine erfolgreiche Therapie legen, indem das Scheiden- und Harnröhrengewebe wieder gut durchblutet und elastisch wird. In aller Regel werden jedoch sogenannte Antimuskarinika eingesetzt. Diese dämpfen die Blase direkt und unterdrücken den „gemeinen“ Harndrang.

In einer eigenen Untersuchung konnten wir dokumentieren, dass nicht nur die Lebensqualität steigt, sondern auch Kosten für Wäsche, Vorlagen und Hautpflege sinken. Interessant, dass in dem von uns verwendeten Fragebogen sich die Bereiche „Partnerschaft“ und „Beziehung zu Freunden“ am positivsten unter einer effektiven medikamentösen Behandlung der Überaktiven Blase besserten.

Sind alle diese Medikamente gleich stark – oder gibt es Unterschiede?

In der Wirkstärke sind alle verfügbaren Substanzen gleich. Unterschiede gibt es bezüglich des Abbaus – der einzige Vertreter aus der Reihe der sogenannten quartären Amine, Trospiumchlorid, wird über die Nieren ausgeschieden und entlastet die Leber. Es gibt bei dieser Substanz auch keine Schwankungen im Blutspiegel durch andere Medikamente, sodass Personen, die andere Medikamente einnehmen, keinen Wirkverlust befürchten müssen.

Ein weiterer Vorteil ist, dass Trospiumchlorid als einziges Anticholinergikum nicht in das Gehirngewebe eindringen kann – Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit oder Konzentrationsschwäche wie bei allen anderen Substanzen sind damit ausgeschlossen. Das ist ein großer Vorteil im Berufsleben, im Straßenverkehr und besonders auch im vorgerückten Alter.

Muss das Anticholinergikum eingenommen werden, wenn „es pressiert“?

Nein, die Behandlung ist eine Dauertherapie. Ich verschreibe ungern „Einmal-Medikamente“ – stattdessen versuche ich mit dem Patienten, seine individuelle Dosis zu finden und so über den Tag zu verteilen, dass besonders die Tages-  oder Nachtzeit mit den Hauptbeschwerden abgedeckt wird.

Was ist von pflanzlichen Präparaten gegen „Reizblase“ zu halten?

Hierzu ist zu sagen, dass diese Produkte wissenschaftlich kaum untersucht sind. Die Erfahrung zeigt, dass sie in aller Regel nicht in der Lage sind, auf Dauer und durchgreifend Symptome einer Überaktiven Blase zu dämpfen.

Gibt es Fälle, in denen eine Behandlung der Überaktiven Blase nicht möglich ist?

Nach meiner Erfahrung ist dies bei einem motivierten und kooperativen Patienten so gut wie nie der Fall. In aller Regel gelingt es, mit einer sorgfältigen medikamentösen Therapie besonders die Überaktive Blase zu dämpfen und damit für mehr Lebensqualität zu sorgen.