Interview mit Privatdozent Dr. Sven Ackermann, Gynäkologe und Direktor der Frauenklinik Darmstadt. 

In Fachkreisen (insbesondere bei Ärzten, aber auch bei Apothekern) ist die Pille danach nach wie vor ein kritisches, kontrovers diskutiertes Thema. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Das ist mir persönlich auch nicht ganz klar. Vonseiten der Frauenärzte wird oft gesagt, dass sie gern die Hand darauf haben würden, weil es ein Medikament sei, welches auch Nebenwirkungen haben kann, man will nicht, dass es unkritisch eingesetzt wird. Zudem habe ich oft von unseren Standesvertretern mitbekommen, dass die auch ein Stück weit  Sorge haben, den Gynäkologinnen und Gynäkologen könnten Patienten verloren gehen. Dabei ist diese Notfallversorgung nach meiner Erfahrung meistens nachts oder am Wochenende, weniger tagsüber erforderlich. 

Und was sagen die Apotheker?

Die Pharmazeuten, auf die die Betreuung der Frauen quasi übergehen würde, wenn die Notfallpille nicht mehr verschreibungspflichtig ist, sind, wie ich hörte, auch nicht alle begeistert. Für Apotheker ist es natürlich einfacher, wenn sie einfach nur ein Rezept in die Hand gedrückt bekommen, das Medikament aus dem Schrank nehmen und es der Frau überreichen. Und jetzt wäre es dann so: Frau X kommt in die Apotheke, erzählt, dass sie vor einigen Stunden ungeschützten Verkehr hatte, und möchte nun die Pille danach nehmen.

In diesem Fall ist dann vorgesehen, dass der Pharmazeut  beurteilt, ob er das Medikament abgeben darf und die Patientin über eventuelle Nebenwirkungen aufklären muss. Viele Apotheker scheuen heutzutage noch die Verantwortung über das Aushändigen der Notfallpille, und das müssten sie im Falle der Rezeptfreiheit tun. 

Birgt die Notfallpille denn Gefahren, die die oben beschriebenen Argumente rechtfertigen könnten?

Nein, das ist ja ein wichtiger  Punkt. Die Pille, die frei verkäuflich wäre und die den Wirkstoff Levonorgestrel enthält,  birgt nahezu keine Risiken. Es ist ein Gelbkörperhormon, und dies hat außer möglichen Blähungen, Durchfall oder Übelkeit keine Komplikationen, außer bei Frauen mit hormonabhängigen Tumoren. Es ist sehr nebenwirkungsarm, sodass das Argument, schwerwiegende Erkrankungen könnten übersehen werden, nicht greift. 

Ist es richtig, dass in den meisten Ländern Europas die Notfallpille nicht verschreibungspflichtig ist, außer in Deutschland?

Ja, das stimmt. Sie wird millionenfach in Europa angewandt, und zwar ohne Rezeptpflicht. Das ist auch eines der Hauptargumente, welches  für die Rezeptfreiheit spricht. Die Französinnen und Belgierinnen sind ja nicht klüger oder dümmer oder verantwortungsvoller als deutsche Frauen, und die erhalten die Pille danach auch ohne Rezept. Und es funktioniert, ohne dass schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten oder die Abtreibungsraten steigen oder sinken. Ich bin daher der festen Überzeugung, lieber im Notfall die Pille danach einzusetzen, als eine Abtreibung durchzuführen, die oft mit großen psychischen Problemen behaftet ist.  

Gehen wir noch einmal mehr darauf ein: Viele setzen die Notfallpille mit einer Abtreibung gleich. Was sagen Sie dazu?

Wenn ich katholischer Priester wäre, müsste ich sagen, jegliche Verhütung ist nicht in Ordnung, ob normale Verhütung oder die Nachverhütung mit der Pille danach. Jede Frau darf aus freien Stücken bis zur zwölften Woche abtreiben, also das sich bereits im Mutterleib entwickelnde Kind umbringen lassen, aber der rezeptfreien Notfallpille werden Steine in den Weg gelegt, weil sie verhindert, dass es überhaupt zu einer Befruchtung kommt.

Aktuelle Studien zeigen, dass hormonelle Notfallkontrazeption nicht nidationshemmend wirkt. Aus diesem Grund setze ich mich auch nachdrücklich für die Freigabe dieses Medikaments ein: lieber im Notfall diese Pille eingenommen als eine Abtreibung mit all ihren psychischen und physischen Konsequenzen.

Bitte klären Sie unsere Leser auf: Was ist die Pille danach genau? 

Dieses Levonorgestrel ist ein Wirkstoff, der zum Einen den Eisprung verzögert, wenn dieser noch nicht stattgefunden hat. Spermien sind rund 72 Stunden aktiv und wenn eine Frau einmaligen, ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte und man die Notfallpille in diesem Zeitraum, also maximal 72 Stunden nachdem Verkehr einnimmt, wird der Einsprung, der bevorsteht, hinausgezögert. Um eine Schwangerschaft zu verhindern, sollte man das Levonorgestrel jedoch so schnell wie möglich nachdem Verkehr einnehmen, und nicht warten, in der Hoffnung, dass man ja 72 Stunden Zeit hat.

Warum ist eine schnelle Einnahme so wichtig?

Nur so kann die Eispungverhinderung sicher funktionieren. Umso länger man wartet, desto unsicherer, da das Medikament auch ein wenig braucht, um zu wirken. Kurz: Die Wirksamkeit wird mit zunehmender Wartezeit geringer. Neue Untersuchungen zeigen auch, dass die Notfallpille bei besonders übergewichtigen Frauen nicht ausreichend wirkt.

Und was machen diese Frauen dann im Notfall?

Es gibt auch andere Medikamente mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat. Dieses wirkt auch über die Eisprungverschiebung, hat jedoch zusätzlich einen direkten Effekt auf die Follikelruptur und ist damit wirksamer als Levonorgestrel, weil es auch noch kurz vor dem Eisprung ovulationshemmend wirkt.

Was sollte sich in den Köpfen der Menschen, aber auch in den Köpfen der Ärzte ändern – im Bezug auf die Pille danach?

Man sollte sich mehr in die Lage der Frauen, die diese Pille anwenden müssen hineinversetzen. Keine Frau macht so etwas leichtfertig. Argumente, dass Frauen gedankenlos ungeschützten Geschlechtsverkehr haben und danach einfach immer eine Notfallpille einwerfen, sind meiner Meinung nach überhaupt nicht gerechtfertigt. Es wird Frauen einfach nicht gerecht vorauszusetzen, dass sie so leichtfertig mit ihrer Sexualität umgehen, auch wenn die Sexualität Teil des Lebens ist – wie Essen und Trinken.

Doch die allermeisten Frauen verhüten, wenn dann aber doch mal ein Problem auftaucht, eine Frau sich beispielsweise nicht sicher ist, ob sie die normale Pille vergessen hat, dann ist die Notfallpille eine einfache, effektive und gute Möglichkeit, eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern – und dabei sollten Frauen keine Steine durch Arztbesuche und Rezeptpflicht in den Weg gelegt werden.